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Greifen böse Spekulanten schon wieder unseren schönen Euro an?

Geht es schon wieder los? Versuchen die bösen Spekulanten schon wieder unseren schönen Euro kaputt zu machen? Die waren es doch, die im Frühjahr, als bekannt wurde, wie doll die Griechen den Rest der Welt Jahrelang angeschwindelt haben, die Finanzminister der Eurozone unter so starken Druck gesetzt hatten, dass sie ganz schnell ganz große (und ganz teure) Rettungspakete schnüren mussten? Nur so konnte Angie in Berlin den Euro retten, der ihr sonst, wie mit Teflon beschichtet ;-), aus den Händen geglitten wäre. So war das doch oder?
Und jetzt stürzt der Euro schon wieder ab. Weil die Iren ohne unsere Hilfe pleite gehen. Und die Portugiesen, und die Spanier, und die Italiener vielleicht auch. Aber schuld sind doch bestimmt wieder die bösen Euro-Spekulanten. Oder nicht?   ..

Mal langsam. Was passiert da eigentlich wirklich?
Eines vorweg: Das Wechselspiel zwischen den Währungen gehört zu den komplexesten und kompliziertesten Geschehnissen an den Finanzmärkten überhaupt. Wir werden hier mit Sicherheit keine vollumfängliche und alles erklärende Zusammenfassung hinbekommen. Deswegen versuche ich es einmal mit den allereinfachsten Zusammenhängen. Oft sind es ja gerade diese, welche die größte Wirkung an den Kapitalmärkten haben. Zuerst einmal müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass an den Kapitalmärkten immer alles vollkommen logisch und rational vor sich geht. Ganz im Gegenteil. Je kürzer die Zeiträume sind, die man betrachtet, umso bescheuerter können einem die Reaktionen der Märkte vorkommen. Das gilt für Aktien, Renten, Währungen und Rohstoffe in gleichem Maße. Will man ein einfaches Bild von den Zusammenhängen zeichnen, kann man sagen, dass zwei Gefühle das Geschehen beherrschen: Die Gier und die Angst.Beide Gefühle sind unglaublich stark. Kurzfristig zumindest um ein vielfaches stärker, als Intelligenz und Vernunft. Die Kapitalmärkte erscheinen uns oft so mysteriös, weil uns eine ganze Industrie (die Finanzbranche) erfolgreich beigebracht hat, die Finanzwelt logisch erklären zu wollen. Eher lässt sich das Wetter oder das Verhalten einer Frau (sorry Ladies ;-)) logisch erklären. Alles nur Show. Zumindest fast alles…. .
Schauen wir uns einfach einmal an, warum der Euro überhaupt schwankt. Dazu muss man erst einmal definieren, im Vergleich zu wem oder was er schwankt. Meistens wird der Vergleich zum US-Dollar herangezogen. Also wie viele US-Dollar bekomme ich für einen Euro oder umgekehrt. In den Medien wird meist dieser Wert, also der „Euro in Dollar“ in angegeben. Um die Welt nicht noch komplizierter zu machen, werden wir hier auch dieses Verhältnis verwenden.
Das bedeutet also, dass der Euro viel wert ist, wenn die Zahl hoch ist. Der bisherige Höchststand lag 2008 bei rund 1,60 US-Dollar. Man hat also einen Dollar und 60 US-Cent erhalten, wenn man einen Euro in Dollar umgetauscht hat.
Nach der Einführung des Euro in Geldform am 1. Januar 2002 bekam man übrigens nur rund 90 US-Cent für einen Euro. Man spricht ja auch von starken und schwachen Währungen. 2002 war der Euro eher schwach und der Dollar eher stark. 2008 war das dann genau umgekehrt.
Um eines klar zu stellen: Für uns, die wir im Euroraum leben, spielt das im Alltag erstmal keine große Rolle. Der Euro wurde ja extra eingeführt, um weniger Auswirkungen von Währungskursen zu spüren, besonders in der exportorientierten Industrie. Und da wir Deutschen die meisten Geschäfte innerhalb des Euroraumes machen, wirkt sich das auch positiv für uns aus.
Wie sich der Euro zum Dollar verhält merken wir am schnellsten an der Tankstelle. Da Rohstoffe wie Öl und Benzin in US-Dollar gehandelt werden, macht ein starker Euro den Besuch an der Tankstelle für uns tendenziell billiger. Und umgekehrt. Vorausgesetzt, der Ölpreis selbst schlägt gerade keine Kapriolen.
Aber die urdeutsche Angst vor einer neuen Währungsreform und dem Verlust aller Ersparnisse hat logisch betrachtet erst einmal gar nichts mit den Wechselkursen zwischen dem Euro und den anderen Währungen dieser Welt zu tun. Natürlich hängt alles irgendwie zusammen, aber eine neue Hyperinflation daraus abzuleiten, dass der Euro gegenüber dem Dollar von 1,60 auf 1,20 fällt, kann getrost in einem der Ordner „Märchen und Fabeln“ oder „ganz schlechter Journalismus“ abgelegt werden. Zweiterer ist übrigens der wesentlich dickere….. .

Aber was muss eigentlich passieren, dass der Euro, wie aktuell gerade mal wieder geschieht, gegenüber dem US-Dollar fällt? Das ist ganz einfach: Es müssen mehr Euros in Dollars umgetauscht werden, als umgekehrt. Man kann auch sagen, dass viele Euros verkauft und damit Dollars gekauft werden. Verkaufen bedeutet ein Angebot am (Kapital)Markt zu schaffen. Kaufen bedeutet Nachfrage zu generieren. Wird also das Angebot an Euros größer (die Nachfrage nach Euros kleiner) und die Nachfrage nach Dollars steigt (das Angebot an Dollars wird kleiner), dann wird der Dollar teurer, wenn man mit Euro bezahlen muss. Dies ist im Frühjahr während der Griechenlandkrise geschehen und das passiert jetzt, in Folge der Ängste wegen der Lage in Irland, Portugal und Spanien wieder.
Warum werden in solchen Situationen in großem Stil Euros in Dollars umgetauscht? Sind das die bösen Spekulanten? Wohl eher nicht. Das sind wohl eher die (bösen?) Angsthasen.

Hasen in der Adventszeit? Hat das jetzt noch etwas mit finanzdeutsch zu tun?
Insofern schon, als die Angst vor Verlusten auch in der Adventszeit die Herzen der Anleger mit kaltem Griff umklammern kann. Tatsache ist, dass ungeklärte Probleme immer zu Unsicherheiten und der Vermutung eines erhöhten Risikos, also Angst, führen. Im Fall der Schuldenkrise in den genannten EU-Ländern sind es zweierlei Risiken. Einmal die Gefahr, dass diese Staaten vielleicht ihre Schulden einmal nicht zurück bezahlen können. Also werden Staatsanleihen aus diesen Ländern an den Börsen dieser Welt verkauft. Und da oft Anleger aus den USA oder Asien im Besitz dieser Papiere sind, wird der Erlös aus diesem Verkauf meist in US-Dollar umgetauscht. Da haben wir genau den oben beschriebenen Effekt von Angebot (an Euros) und Nachfrage (nach Dollars). Das zweite Risiko kommt aus der Unsicherheit, wie der Euro kurzfristig diese Probleme übersteht und wie er langfristig mit der eigentlichen Ursache für seine Probleme, zu der wir später kommen, fertig werden soll. Die Anleger haben also Angst, dass ihre Wertpapiere aus dem Euroraum immer weniger wert werden könnten, weil der Euro gegenüber anderen Währungen an Wert verlieren könnte. So erging es übrigens den Anlegern aus dem Euroraum zwischen 2001 und 2008 mit ihren Anlagen in der vermeintlichen Hartwährung US-Dollar.
Was tun, wenn man Angst um sein Geld hat (oder das, welches einem Kunden zur Verwaltung anvertraut haben)? Entweder man geht raus aus den Anlagen aus dem Euroraum oder man sichert diese ab.

Absichern? Was ist das jetzt schon wieder?
Wie das Wort schon sagt, soll Sicherheit vor ungünstigen Ereignissen geschaffen werden. So wie ein Sicherheitsgurt im Auto dafür sorgt, dass man bei einem Unfall auf seinem Sitz bleibt und nicht mit dem Kopf voran durch die Scheibe fliegt, sorgen Absicherungsinstrumente bei Finanzgeschäften dafür, dass man bei einem Crash nicht alles verliert. Man könnte die Funktionsweise solcher Absicherungsinstrumente auch gut mit einer ganz normalen Versicherung vergleichen, z.B. mit der Vollkasko  für ein Auto. Sie zahlen für einen bestimmten Zeitraum (z.B. ein Jahr) einen Betrag, der wesentlich geringer als der Wert des Autos ist. Sollte Ihr Auto aber in dieser Zeit ohne Fremdverschulden beschädigt oder zerstört werden, ersetzt die Versicherung den hohen Schaden. Ähnliche Instrumente gibt es gegen Kursverluste bei Währungen, Aktien, festverzinslichen Wertpapieren usw.. Sie werden im Allgemeinen Derivate genannt. Formen von Derivaten heißen z.B. Optionen, Futures oder Swaps (wenn sie dieses Thema genauer interessiert, gehen Sie doch einfach einmal in meinen Geldbüchershop und geben „Derivate“ als Suchbegriff ein).
Ha! Da sind sie doch die Spekulanten!
Diese Begriffe haben wir doch im Fernsehen gehört und in der Zeitung gelesen. Besonders die „Swaps“ müssen ja ganz was bösartiges sein, oder?
Glückwunsch. Wenn Sie so denken und fühlen, dann haben die interessierten Kreise in der Politik und schwacher Journalismus ihr Ziel erreicht. Aber dazu später mehr.
Bei diesen Derivaten handelt es sich ganz neutral um Instrumente aus dem Werkzeugkasten der Kapitalmarktprofis. Und genauso wenig wie die wenigsten Handwerker, die gelegentlich mit einem Hammer einen Nagel irgendwo einschlagen, potenzielle „Hammermörder“ sind, sind die Nutzer von Derivaten grundsätzlich fiese, gierige und menschenverachtende Spekulanten. In den allermeisten Fällen werden diese Instrumente zur Absicherung von Risiken genutzt. Wenn also z.B. ein großer Pensionsfonds aus den USA in europäische Staatsanleihen investiert hat, z.B. weil er Angst vor einem Wertverlust des US-Dollar wegen exzessiven Gelddruckens durch die US-Notenbank hat, und seine Anlage durch den Kauf von Derivaten gegen mögliche Verluste des Euro gegenüber dem Dollar absichert, ist das dann ein böser Spekulant? Im Gegenteil. Normalerweise werden Derivate eingesetzt, um Risiken zu begrenzen und nicht, wie in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, um wild und höchstriskant zu spekulieren.
Ungünstig ist allerdings, dass sich diese Absicherung letztlich über Umwege auf dem Kapitalmarkt wie ein Umtausch von Euro in Dollar auswirkt. Der Kurs des Euro wird als auch hierdurch tendenziell sinken.
Wir haben also zwei Einflussfaktoren auf den Eurokurs, die beide für einen fallenden Wert des Euro gegenüber dem Dollar sorgen. Einmal die Anleger, die zur Risikovermeidung ihre Euro-Papiere verkaufen und den Erlös in Dollar umtauschen. Zum Zweiten diejenigen, die ihre Anlagen zwar behalten, aber gegen mögliche Währungsverluste absichern. In beiden Fällen sorgt die Angst für Druck auf den Wert des Euro. Sie erinnern sich, Gier und Angst beherrschen die Märkte. Allerdings ist Angst wohl kaum ein Attribut, das wir mit wildem Spekulantentum verbinden?
Bevor wir nun wirklich zu den gierigen Spekulanten kommen noch der Hinweis, dass die gleichen Mechanismen z.B. auch bei festverzinslichen Wertpapieren greifen. Werden z.B. Staatsanleihen an den Börsen gehandelt, was der Normalfall ist, dann werden diese immer mit einer aktuell marktgerechten Rendite (Ergebnis aus Angebot und Nachfrage) gehandelt. Da die Zinsen bei solchen Papieren über die ganze Laufzeit konstant sind, werden auch diese Anleihen mit einem aktuellen Kurs gehandelt, um mit der Kombination von Kurs und Zinsen auf die geforderte Rendite zu kommen. Steigen die Renditen, sinken die Kurse der Anleihen und umgekehrt. Um z.B. heute eine spanische Staatsanleihe gegen mögliche Kursverluste abzusichern, muss der Anleger ein Derivat kaufen, welches im Fall steigender Zinsen an Wert zulegt. Betrachtet man nur diesen einen Kauf des Derivates, sieht es aus, als würde der Anleger auf steigende Zinsen für spanische Anleihen (also eine Verschlechterung der Kreditwürdigkeit Spaniens) wetten. Im Bereich der Absicherung von Anleihen spielen die viel gescholtenen Swaps eine große Rolle. Auch diese sind eher normales Handwerkszeug der professionellen Geldverwalter zur Begrenzung von Risiken, als böse Massenvernichtungswaffen.

Gibt es also gar keine Spekulanten?
Doch. Es gibt sie. Aber ihre Rolle an den Kapitalmärkten ist sicher nicht diejenige, die uns in den letzten Monaten von verschiedenen Seiten suggeriert wurde. Wann ist jemand ein Spekulant? Aus meiner Sicht beginnt die Spekulation (wobei ich diesen Begriff völlig wertfrei nur als Beschreibung verstanden haben möchte) dort, wo Derivate nicht als Absicherungs- sondern als Anlageinstrument eingesetzt werden. Kauf jemand nur Derivate, um auf das Eintreten eines bestimmten Ereignisses zu wetten, ist das wie der Einsatz beim Roulette auf „Zahl“. Übrigens mit ähnlichen Verlusten. Derivate haben die Eigenschaft, dass sie sehr schnell ihren Wert komplett verlieren können. Dafür kann man auch mit relativ geringem Kapitalaufwand hohe Gewinne erzielen. Hier stimmt das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko jedenfalls.

Wer macht so etwas?
Verfolgt man das Fernsehen und die Presse, ist der Feind schnell ausgemacht: Hedgefonds. Ein Begriff, der es im finanztechnisch völlig verdummten Deutschland schnell zum Sinnbild für alles Böse und Verwerfliche gebracht hat. Man muss ja schon froh sein, dass Hedgefonds-Manager nicht öffentlich verbrannt werden. Genießen sie doch ungefähr das gleiche Ansehen wie die bösen Hexen im finsteren Mittelalter (wie viele von den Verbrannten Damen waren wohl wirklich mit dem Teufel im Bunde…?). Sie merken vielleicht an diesem leichten Anflug von Zynismus, dass ich ein etwas anderes Bild von Hedgefonds habe. Dazu vielleicht bald einmal mehr an dieser Stelle.
Aber es macht sicher einmal Sinn zu klären, was so ein Hedgefonds eigentlich ist. Der englische Begriff „Hedge“ bedeutet soviel wie Hecke oder Zaun und meint eigentlich die schützende Hecke um eine Schaf- oder Ziegenherde, damit diese nicht des Nachts von bösen Raubtieren angegriffen und verspeist werden kann. Man spricht auch z.B. davon „eine Währung zu hedgen“, wenn man sich vor Währungsverlusten absichert. Ein Hedge-Fonds ist also eigentlich ein Fonds, der Absicherungsmechanismen wie die bereits genannten Derivate nutzen kann und darf. Dies ist „normalen“ Investmentfonds traditionell nicht oder nur in geringem Umfang erlaubt. Die Mehrheit der Hedgefonds hat auch einen eher defensiven Charakter und versucht eine vernünftige regelmäßige Rendite bei geringem Risiko zu erreichen. Von diesen hören und lesen wir nur sehr selten, gerade hier in Deutschland. In unsere Schlagzeilen schaffen es nur die spektakuläreren Exemplare. Das ist schade, denn die Anleger dieser vernünftigen Hedgefonds haben sicher deutlich bessere Anlageergebnis, als der durchschnittliche Sparkassenkunde…. .

Das Bild der spekulativen Hedgefonds wurde stark von George Soros im Jahr 1992 geprägt. Der sehr erfolgreiche Investor erkannte früher als der Markt, dass das britische Pfund ein Problem hatte. Und obwohl die mächtige Bank of England alles dagegen tat, hatte Soros letztlich recht und verdiente mit seiner Wette auf ein fallendes Pfund sehr viel Geld. Die FAZ hat die Geschehnisse in diesem Artikel sehr gut zusammengefasst.
Hier steht übrigens nicht, dass Soros das Pfund in die Knie gezwungen oder den Wertverlust der Währung herbeigeführt hat! Er hat viel eher erkannt, dass es nicht dauerhaft möglich ist, einen Währungskurs gegen den Markt zu beeinflussen. Nicht mal für die Bank of England!
Erinnern Sie sich, was uns Frau Merkel und ihre Freunde im Frühjahr aufgetischt haben: Man hätte Griechenland retten müssen, weil Spekulanten sonst den Euro in Gefahr gebracht hätten. Und am Sonntag gehen wir alle mit unseren Kindern in den Wald und suchen das Lebkuchenhäuschen…!
Mal im Ernst. Das Währungspaar Euro-Dollar ist das meistgehandelte weltweit überhaupt. Die täglich gehandelten Volumina sind so gigantisch, dass ein paar Hedgefondsmanager und ihre Kollegen lange die Ordersysteme quälen könnten, ohne jemals gegen den Markttrend etwas zu bewirken. Wenn schon die mächtige Bank of England das beim relativ viel kleineren britischen Pfund nicht geschafft hat, wer soll das glauben?
Wir wissen natürlich nicht, ob die Physikerin im Kanzleramt uns bewusst angeschwindelt hat, oder ob sie nur den Quatsch geglaubt und weitererzählt hat, den ihr andere Interessierte oder Unwissende erzählt haben. Auf jeden Fall klingt die Spekulantenschelte besser als die Mitteilung, dass der Euro wirklich ein massives Problem hat.

Was den Euro wirklich unter Druck setzt, sind die ungelösten Probleme in der Währungsunion. Welche das sind, kann man in der seriösen Wirtschaftspresse immer wieder nachlesen: Große Ungleichgewichte der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Länder innerhalb der Union, unsolide Haushaltspolitiken verschiedener Mitglieder, nur eine Währungs- aber keine Wirtschaftsunion und teils extrem hohe Staatsverschuldungen.
Ungelöste Probleme führen zu Unsicherheiten, diese zu Ängsten und Angst bewegt die Märkte. Die viel gescholtenen Spekulanten erkennen solche Tendenzen und setzen ihre Wetten auf diese Trends. Damit werden sie natürlich Teil des Spiels und verstärken eventuell die Auswirkungen. Sie sind aber nie der Auslöser.
Übrigens sind bei weitem nicht nur die Hedgefonds die Akteure im Kapitalmarkt-Roulette. Eine große Rolle spielen die großen Banken. Hinter dem Begriff „Investmentbanking“ verbirgt sich meist auch ein Geschäftszweig, der auf finanzdeutsch „Eigenhandel“ genannt wird. Hier agieren die Banken mit eigenem Geld, also nicht mit dem ihrer Kunden, an den Kapitalmärkten. Genauso frei und unreguliert, wie dies bei den Hedgefonds der Fall ist. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass viele große Banken eine Hedgefonds mit angeschlossenem Bankgeschäft sind. Die Forderung, diesen Geschäftsbereich rechtlich vom Kundengeschäft zu trennen, macht zur Begrenzung der Risiken sicher Sinn. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir haben also festgestellt, dass uns meist ein ganz schöner Unsinn erzählt wird. Der Eurokurs (und viele andere Entwicklungen an den Kapitalmärkten) wird nicht von bösen Spekulanten runtergeprügelt, die unsere Währung kaputt machen wollen, um mit perfiden Wetten daran zu verdienen. Sie spielen mit, aber sie entscheiden das Spiel nicht.
Warum wird uns dieser Quatsch dann erzählt? Weil es so schön einfach ist. Schon im alten Testament wird eindrucksvoll beschrieben, dass es uns Menschen gut tut, wenn wir einen Sündenbock haben, dem wir alles aufladen können. Also hat man in den schwer personifizierbaren bösen Spekulanten am Kapitalmarkt schnell einen wunderbaren Sündenbock gefunden und treibt diesen nun von einem Dorf zum anderen. Die Politik muss so nicht zugeben, dass sie noch ziemlich hilf- und planlos ist, wie man mit diesen Problemen umgehen sollte und letztlich ihre partei- und länderübergreifenden Versäumnisse die Ursache für die Misere sind. Und wer will schon dem gemeinen Volk extrem komplexe Zusammenhänge ordentlich erklären, die er (oder sie) selbst kaum verstehen kann? Außerdem bieten sich „die Spekulanten“ geradezu für diese Rolle an. Schon die Nazis haben das „jüdische Spekulantentum“ für allerlei Negatives verantwortlich gemacht. Ich bin weit davon entfernt, den derzeit politisch Aktiven Nazimethoden unterstellen zu wollen. Wirklich nicht! Ich will nur zeigen, dass der Begriff des Spekulanten in unseren Breiten schon traditionell negativ belegt ist und er es nie aus seiner Schmuddelecke heraus geschafft hat. Dieses Angebot muss man als Politiker in dieser Situation wohl nutzen. Aber wir dürfen ja selbst über die Dinge nachdenken, die uns so aufgetischt werden… .

Randbemerkung:
Ist es nicht eigentlich verwunderlich, dass der Begriff „Spekulant“ in einem Land so verfemt ist, in welchem jede Woche durchschnittlich 40% bis 50% der Menschen auf 6 aus 49 Zahlen wetten?

Die Politik nutzt also diese Bild des „Kämpfers gegen das Böse“ gerne , um selbst in einem besseren Licht zu stehen. Wahrscheinlich wäre das Eingeständnis der geringen Einflussmöglichkeiten auch nicht besser für die Stimmung im Lande.
Warum klärt aber die Presse nicht besser über die Zusammenhänge auf? Weil Aufklärung nicht ihr Geschäftsprinzip ist. Die Medienwelt muss Nachrichten verkaufen. Und Nachrichten verkaufen sich besser, wenn sie zum Meinungsbild des Lesers und passen, verständlich erscheinen und emotional bewegen. Mal ehrlich: Sie haben sich zwar bis hierher durch diesen Artikel gekämpft. Aber hat Sie mein Versuch, diese Zusammenhänge etwas zu erhellen emotional bewegt? Da wäre es doch wohltuender, man könnte gemeinsam mit anderen auf eine abstrakte Außenseitergruppe wie die fiesen Spekulanten, niemand hat je einen gesehen, schimpfen.
Auflage ist alles. Aber deswegen müssen wir ja nicht alles kritiklos glauben.

Wie ist die Lage denn jetzt wirklich? Muss man sich Sorgen um den Euro machen?
Woher soll ich das denn wissen? Sie fragen ein Zeug!
Mal im Ernst, wo stehen wir denn. Der Euro liegt irgendwo um 1,30 US-Dollar. Wenn wir uns klar machen, dass wir schon die Spannbreite zwischen 1,60 und 0,90 erlebt haben, dann ist der Euro derzeit mit Sicherheit mal nicht im Keller. Das belegt auch die Grafik über die letzten zehn Jahre.

Wechselkurs Euro - US-Dollar 10 Jahre. Quelle: www.onvista.de

Uns kommt es nur so vor, als wäre das niedrig, weil wir eben von 1,60 kommen. Dieser starke Anstieg bis 2008 war übrigens nicht wirklich ein Zeichen für einen superstarken Euro, sondern eher für einen immer schwächer werdenden US-Dollar. Derzeit ist also wirklich kein Grund zur Panik vorhanden.
Es ist gerade für uns Deutsche mit unserer Exportwirtschaft übrigens gar nicht verkehrt, wenn der Euro für die Amis -und damit auch die Chinesen- nicht so teuer ist. Damit werden deutsche Produkte auf dem großen US-Markt und in Asien günstiger und damit wettbewerbsfähiger. Deswegen müssen wir eigentlich auch froh sein, dass wir wirtschaftlich schwächere Länder im Euro haben. Die drücken nämlich den Eurokurs. Hätten wie bei der aktuellen überdurchschnittlichen Power unserer Wirtschaft noch so was wie die D-Mark, dann wäre die für die Amerikaner und die Chinesen viel teurer und unsere Produkte wesentlich weniger wettbewerbsfähig. Danke Griechenland, danke Irland, danke Portugal usw.. .

Natürlich dürfen wir die Augen nicht vor den Problemen verschließen, die wir in Europa haben. Diese werden den Euro belasten und es wird noch eine Weile dauern, bis sie gelöst sind. Aber der Wert der Währung misst sich ja im Vergleich zu anderen Währungen, wie zum Beispiel zum US-Dollar. Und wie ist denn die Lage in den USA? Haben die dort etwa keine Probleme mit der Staatsverschuldung? Warum ist der Dollar bis 2008 denn ständig schwächer geworden? Und Ungleichgewichte innerhalb des Landes? Kalifornien steht anscheinend kaum besser da als Griechenland. Arni war als Terminator erfolgreicher, denn als Governor …. . Und wer druckt denn gerade neues Geld in großen Mengen? Die Amerikaner haben selbst überhaupt kein Interesse an einer relativ starken Währung. Für die Konkurrenzfähigkeit der US-Wirtschaft auf den Weltmärkten ist ein billiger Dollar allemal besser. Auch in New York und Washington hat man gemerkt, dass der US-Binnenmarkt wegen der Überschuldung der Privathaushalte nicht so schnell wieder zu alter Kaufkraft zurück finden wird und man ein paar neue Kunden in den asiatischen Wachstumsmärkten sehr gut brauchen könnte. Es ist also anzunehmen, dass der Euro gegenüber dem Dollar nicht ins bodenlose fallen wird. Die Probleme sind jenseits des Atlantiks nicht geringer und je nachdem, wo der Fokus der Märkte gerade hinfällt wird es munter rauf und runter gehen.
Welche Währungen spielen noch eine Rolle? Der japanische Yen? Japan hat die größte Staatsverschuldung überhaupt, sitzt seit Jahren in der Deflationsfalle, überaltert immer schneller und lebt auch vom Export. Soll da der Yen deutlich stärker sein als der Euro?
Das britische Pfund? Die Briten haben gerade selbst Angst, dass irgendjemand kommt, den Stöpsel rauszieht und Großbritannien ein Riff im Nordwesten Europas wird… (frei nach Martin Stürner, PEH Wertpapier AG). Ohne ins Detail gehen zu müssen, aus London droht diesbezüglich auch keine Gefahr.
Wer fehlt dann noch? Über den Schweizer Franken als Weltwährung müssen wir nicht wirklich diskutieren, oder?
So betrachtet, befinden sich die großen Währungsräume in einem gewissen Gleichgewicht. Die Lage ist überall ähnlich bescheiden. Mit riesigen Verschiebungen der Wechselkurse ist von daher wohl eher nicht zu rechnen. Mit zwischenzeitlichen Schwankungen natürlich schon. Sie wissen schon, Angst und Gier…. .
Haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich jetzt auch schon damit Anfange, die verrückte Finanzwelt logisch erklären zu wollen? Also vergessen Sie den Quatsch und machen Sie sich ihre eigenen Gedanken. Meine kennen sie ja jetzt.

Zum Abschluss möchte ich noch ein Zitat aus der Fernsehsendung „Börse vor acht“ in der ARD vergangene Woche sinngemäß wiedergeben. Der freundliche Moderator erläuterte fallende Aktienkurse an diesem Tag als „Ergebnis der Angst vor der Angst der Anderen“. Soviel zum Thema Logik und Vernunft der Märkte… .
Noch Fragen?

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1 Comments Add Yours ↓

  1. 1

    Treffender Artikel, abseits des Mainstreams.
    Wäre wünschenswert, wenn ihn viele unbedarfte deutsche Bürger lesen würden. Dann könnten die Politiker sie nicht mehr so leicht an der Nase herumführen.

    Aber viele werden dir eh nicht glauben, weil du aus der Branche kommst.



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