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Aktien als sicherer Hafen?

Drehen die in Frankfurt jetzt alle am Rad? OK, ich habe lange genug in dieser Gegend gelebt und könnte im Brustton der Überzeugung sagen: Nicht erst jetzt! Aber was man derzeit vom Börsenparkett hört, klingt schon sehr befremdlich. Klaus-Rainer Jackisch, ein Börsenmann der ARD, berichtete heute in seiner Börsenvorschau im ARD Morgenmagazin, dass der jüngste Anstieg der Aktienkurse auf die Flucht in den „sicheren Hafen Aktie“ zurückzuführen sei. Anleger würden aus den riskanten Staatsanleihen in die sicheren (??????) Aktien flüchten. Auch die absoluten Fachleute von n-tv (Ironisch? Ich?) haben gestern schon in dieses Horn geblasen.
Diese Aussage klingt so, als würde jemand sagen, dass Schach jetzt eine Risikosportart ist, basejumpen aber gefahrlos von jedermann und überall ausgeübt werden kann.    …

Leute geht´s noch?
Ich kann ja nachvollziehen, dass die „Angst vor der Angst der Anderen“ (übrigens auch eine Aussage eines ARD-Börsenmannes) für große Unsicherheiten sorgt. Aber mal in Ernst. Man angenommen, der schlimmste Fall tritt ein und Länder wie Spanien, Italien, Frankreich usw. geraten in ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten. In der Realität würde das ja erstmal bedeuten, dass die Zinsen für deren Staatsanleihen extrem ansteigen würden und sich diese Länder in der Praxis kein Geld mehr am Kapitalmarkt beschaffen können. Dies würde zu recht hohen Kursverlusten bei den Staatsanleihen führen. Insoweit also nachvollziehbar und normal, dass Anleger Risiken abbauen, also aus Staatsanleihen rausgehen. Meistens sind solche Bewegungen total übertrieben, wahrscheinlich also dieses Mal auch. Aber warum um alles in der Welt werden von diesem Geld aber Aktien gekauft, wenn diese Markteinschätzung wirklich stimmt? Aktien haben nun einmal die Eigenschaft, in kurzer Zeit schnell mal sehr viel an Wert verlieren zu können, wie wir in den letzten zehn Jahren schon zweimal schmerzhaft erfahren haben. Wenn die Kurssteigerungen dann nicht wegen steigender Unternehmensgewinne (oder der Aussicht darauf) zu Stande kommen, sondern weil irgendein anderer Hype die Anleger treibt, dann ist das nächste Gemetzel an der Börse bereits in Vorbereitung.

Und was würde denn mit dem Finanzsystem, der Wirtschaft und den Unternehmensgewinnen passieren, wenn wir wirklich eine Kette von Staatspleiten in der Welt der Industrienationen hätten? Von diesen dann immer wertloseren Staatsanleihen schlummern große Volumina in den Bilanzen aller europäischen Banken, wahrscheinlich sogar der meisten großen Banken weltweit. Die nächste Finanzkrise mit allem drum und dran stünde ins Haus. Und wahrscheinlich wären die Auswirkungen, verglichen mit der aktuellen, eher größer als kleiner. Die Folgen für die Wirtschaft, die Unternehmen und deren Gewinne wären sicher nicht weniger negativ als in 2008. Was in so einem Fall an den Aktienmärkten passiert, wissen wir ja. Das Gerede vom „Substanzwert der Aktien“, im Vergleich zu den offenbar substanzlosen Staaten und deren Anleihen, kann dann getrost mit dem hessischen Fachausdruck „Dummgebabbel“ bezeichnet werden. Wenn die Angst die Aktienmärkte in ihren Würgegriff nimmt, dann hilft erstmal nichts mehr, auch keine noch so schöne Substanz.
Aber vielleicht haben die Kapitäne, die ihr Schiff gerade in den sicheren Hafen Aktie steuern, das schon wieder vergessen?

Was tun?
Wer wirklich Angst vor einem Staatspleitendomino in Europa hat, dem bleiben eigentlich nur Sachwerte. Also Dinge, deren Wert von einer richtig großen Finanzkrise nicht so extrem betroffen sein dürften. Allerdings ist das genauso schwer vorherzusagen, wie das Wetter für den nächsten Sommer. Immobilien sind ein Klassiker in diesem Feld. Aber auch hier muss man etwas vom Thema verstehen, um Anleger und nicht Opfer zu sein. Edelmetalle können ein Weg sein oder vielleicht auch Kunst. Oder vielleicht auch einfach nur Bargeld, mit dem man flexibel bleibt?
Ich glaube aber, man muss auch mal auf eine Panik verzichten können und sollte ein wenig Vertrauen in die Problembewältigungskreativität der Menschen haben. Jetzt Aktien als sichere Anlage zu kaufen, erscheint mir allerdings etwas zu kreativ….. .

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