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Aktien Schwellenländer und Osteuropa im 1. Halbjahr 2010

 

SCHWELLENLÄNDER

Abkopplung der Schwellenländer von den westlichen Ländern
(finanzinfo-service.de) In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen philosophieren die Experten darüber, ob sich die Schwellenländer in Ihrer Entwicklung schon von den Industrieländern abgekoppelt haben. Seit Einbruch der Finanzkrise kann man auch tatsächlich beobachten, dass die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Regionen nicht mehr so stark von der westlichen Welt abhängig ist. Früher sagte man: „Wenn die USA Schnupfen haben, haben die Schwellenländer eine Lungenentzündung“. Da die Finanzkrise und ihre Folgen wohl kaum nur ein Schnupfen der westlichen Welt waren, müsste die Wirtschaft in Asien und Südamerika dem gemäß völlig danieder liegen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. China und Indien gelten als Hoffnungsträger für die wirtschaftliche Erholung der westlichen Länder. Die hohe Inlandsnachfrage in diesen und anderen Ländern sorgt für ein stabiles Wachstum und die relativ robusten Staatsfinanzen stützen zusätzlich. Man kann wohl getrost festhalten, dass die angesprochene wirtschaftliche Entkopplung vieler Orts stattgefunden hat oder stattfindet.

 Warum haben sich Aktienmärkte nicht genauso abgekoppelt?
Ein anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Aktienmärkte. Diese steigen und fallen meist immer noch mit denjenigen in den westlichen Ländern. Zwar ist das Tempo oft ein anderes, aber die große Richtung stimmt nach wie vor überein. Das dürfte allerdings nur diejenigen Experten überraschen, die vor lauter Bäumen den Blick für den Wald verloren haben. Auch die Kurse an diesen Märkten werden von Angebot und Nachfrage bestimmt. Da das meiste Kapital den Weltmärkten unverändert von den großen institutionellen Anlegern aus den USA und Europa gesteuert wird, bestimmen auch deren Ängste und Hoffnungen die Kursbewegungen an den Börsen der Emerging Markets, sieht man einmal von den chinesischen Inlandsbörsen in Schanghai und Shenzen ab. Wenn also die westlichen Investoren einmal wieder Angst vor der eigenen Courage bekommen und in den Medien von „aufkommender Risikoaversion“ die Rede ist, dann werden in großem Stil Aktien verkauft. Und die Quoten in den vermeintlich risikoreicheren Märkten werden meist als erstes reduziert. Dann sinken auch in Indien und Brasilien die Kurse, obwohl sich die Situation der dortigen Unternehmen  kein bisschen verschlechtert hat. So ist zu erklären, dass die Aktienkurse der Schwellenländer denjenigen aus den Industrieländern, trotz deutlich besserer wirtschaftlicher Rahmendaten, in diesem Halbjahr nicht davon gelaufen sind. Neu ist allerdings, dass sie sich in der Abschwungphase seit Anfang Mai nicht wesentlich schlechter entwickelt haben als ihre Brüder im Westen. Daraus lässt sich schließen, dass Investments in den Schwellenländern immer „normaler“ werden und sich der Umgang mit diesen, demjenigen mit Aktien aus den Industrieländern angleicht. 

Der Blick auf die BRIC-Märkte
Der sehr rohstofflastige brasilianische Bovespa gibt naturgemäß nicht wirklich die Situation der brasilianischen Wirtschaft wieder, wird aber von den Anlegern meist als Leitindex für die Börse in Sao Paulo angesehen. Er verlor im ersten Halbjahr 10,7%, wobei mehr las die Hälfte dieser Verluste in der letzten Handelswoche dieses Halbjahres entstanden sind. Die Aussagekraft dieses Wertes ist also nicht übermäßig groß. Dass der russische Aktienmarkt extrem an der Entwicklung der Rohstoffpreise, besonders derjenigen des Rohöl, hängt, ist keine neue Erkenntnis. So verwundert es vor dem Hintergrund, dass der Ölpreis im ersten Halbjahr um rund fünf Prozent (auf US-Dollar Basis) gefallen ist, nicht, dass der Moskauer RTS-Index zum 30.6. mit 6,7% im Minus auf einem Jahrestiefstand lag. Betrachtet man die Schwankungsfreude dieses Marktes, ist dort in diesem Halbjahr eigentlich noch gar nichts geschehen. Der indische Sensex ist der einzige der BRIC-Länder-Indizes, der das Halbjahr im grünen Bereich abschließen kann. Doch unter dem Strich ist auch hier bei einem Plus von rund zwei Prozent zur Jahresmitte noch nicht viel passiert. Deutlicher ist die Entwicklung in China. Der Shanghai Composite A-Share Index verlor bis Ende Juni 26,5% und war seit Jahresanfang beständig im roten Bereich. An dieser Börse spielen ausländische Gelder keine bedeutende Rolle. Schon im letzten Jahr war zu lesen, dass in China eine Stimmung herrschte wie in Deutschland zur Zeit des Neuen Marktes. Da die chinesische Administration seit Ende vergangenen Jahres gegen eine Überhitzung der Wirtschaft und des Immobilienmarktes vorgeht, wachsen die Ängste vor einem sinkenden Wirtschaftswachstum. Es handelt sich hier also um die Korrektur eines regionalen Marktes. Der für internationale Anleger bedeutendere Aktienmarkt in Hong Kong liegt mit einem Minus von 6,4% zur Jahresmitte gut im internationalen Feld. Der breit gefasste MSCI Emerging Markets Index verbucht ein Halbjahresminus von 7,2% und dürfte ein guter Indikator für die Gesamtverfassung der Aktienmärkte der Schwellenländer sein. Er liegt auf einer Höhe mit dem Dow Jones Index (-6,7%) und deutlich besser als der Euro Stoxx 50 (-13,3%). Somit war ein Investment in den Schwellenländern zumindest im letzten halben Jahr nicht riskanter, als eines in Europa oder den USA. Eine interessante Entwicklung, die es weiter zu beobachten gibt. Normal wäre, wenn in diesem Zusammenhang auch die Renditechancen sinken würden.

OSTEUROPA

 Die Entwicklung der Aktienmärkte
Las man die Expertenmeinungen zu Osteuropa zu Beginn diesen Jahres, dann wäre man aus diesen Märkten besser ausgestiegen. Wenig Aussicht auf eine deutliche Erholung sollte es geben, andere Anlageregionen seien zu bevorzugen. Was die letzten sechs Monate angeht, lagen diese freundlichen Experten völlig falsch. Die großen osteuropäischen Märkte (Polen, Tschechien, Ungarn) haben sich allesamt als erstaunlich stabil erwiesen. So hat der ungarische BUX, für welchen die Prognosen am schlechtesten waren, in diesem Halbjahr 15 Wochen mit positiven Vorzeichen beendet. Beim Dax waren es elf und beim EuroStoxx 50 nur neun. Absolut betrachtet hält sich das Anlegerglück natürlich dennoch in Grenzen. Die Leitindizes aus Polen (WIG) und Ungarn (BUX) liegen seit Jahresbeginn mit knapp 1,8% im Minus, ihr Bruder aus Tschechien hat mit einem Minus von 1,3% zu diesem Stichtag die Nase ein wenig vorn. Verglichen mit dem EuroStoxx 50 (-13,3%) sind das aber wunderbare Ergebnisse. Bei aller Schadenfreude gegenüber den wichtigen Herren Analysten, einen richtigen Grund für diese relativ gute Entwicklung findet man allerdings nicht so leicht. Die typischen Schwellenländerargumente (wachsende Binnennachfrage, demografische Situation), greifen in diesen Märkten wohl nur begrenzt. So könnten die Chancen für die Analysten gut stehen, dass sie mit der nötigen Geduld doch bald wieder sagen können: Ich hab´s ja gleich gesagt! Aber bis dahin gilt für Aktienengagements: Lieber Osten als Süden. Was man nicht zwangsläufig auch auf die Wahl des Urlaubszieles anwenden muss.

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